Wissen und Emotion
 

Fraktale Affektlogik
Luc Ciompi
 

 

 
 

Theoretische Grundlagen


Einführung



... die moderne elektronische Datenverarbeitung erzeugt, infolge der ungeheuren Beschleunigung der Produktion und Verbreitung von Information, die sie kennzeichnet, eine ständig wachsende Datenmenge. Nicht nur der einzelne, sondern auch eine Gruppe ist prinzipiell überfordert, denn die Kollektivisierung der Denkabläufe bringt ihrerseits neue und nicht zuletzt auch affektiv bedingte Probleme der Kommunikation und Informationsverarbeitung mit sich. Leichter noch als beim einzelnen nehmen angesichts dieser Überforderung in der Gruppe die ältesten und nach wie vor effizientesten Mittel zur Komplexitätsreduktion überhand, die es gibt: nämlich die affektiven, von der passiven Gleichgültigkeit gegenüber allem, was nicht zur Gruppenideologie pass, bis zur aktiven Abwehr alles Störenden durch Aggression und offene Verachtung.

Jeder Versuch, interdisziplinäre Schranken zu überwinden – ein angesichts der immer extremeren Spezialisierung überall dringliches und im Rahmen der vorliegenden Untersuchung geradezu unausweichliches Gebot – wird mit bewussten oder unbewussten Abwehrhaltungen dieser Art zu rechnen haben. Aber auch der gegenteiligen Gefahr, nämlich der Gefahr, problematische Befunde aus benachbarten Disziplinen mangels präzisen Sachwissens zu wenig kritisch zu begegnen, ist ein Stück weit überhaupt nicht zu entgehen. Je größer die Entfernung vom eigenen Sachgebiet, desto mehr verdünnen sich unweigerlich Quantität und Qualität von Teilkenntnissen; mögliche Vorteile einer weiteren Distanz ergeben sich nur in Glücksfällen. Als einzige Lösung bliebt, will man auf jeden Versuch eines Brückenschlags zu Nachbardisziplinen von vornherein verzichten, derartige Einschränkungen bewusst in Kauf zu nehmen und ihrer eingedenk aus der eigenen Perspektive nichts als Vorschläge zu machen, deren Beurteilung dann Sache der jeweiligen Partner aus anderen Disziplinen ist.

Spätestens an dieser Stelle dürfte im übrigen klar geworden sein, dass zusätzlich zu allen bisher in Sicht gekommenen Faktoren, die unseren Verstehenshorizont obligat einengen, noch zahlreiche weitere zu berücksichtigen wären, die mit spezifischen Affektwirkungen auf Denken und Verhalten zu tun haben.

Damit überlappend ist außerdem an den gewaltigen unbewussten Unterbau zu denken, von dem sich Sigmund Freud und der Psychoanalyse alles herleitet, was wir bewusst denken, fühlen und tun. Die Existenz eines solchen „affektiven Unbewussten“ – zur Zeit seiner Entdeckung durch Freud ein Ärgernis, das weltweite Empörung hervorrief – ist heute allgemein anerkannt. Forscher wie Piaget und Lorenz neuerdings auch Kihlstrom, postulieren darüber hinaus sogar noch ein eigenes „kognitives Unbewusstes“, in welches namentlich sämtliche automatisierten kognitiv-sensorischen Abläufe im Sinn des weiter oben erwähnten „intuitiven Handlungswissens“ und der so genannten „Erkenntnis der Strukturen“, sowie auch alle angeborenen Formen der Anschauung mit Einschluss der früher erwähnten sprachlichen Universalien und angeborenen „Lehrmeister“ des Denkens einzuordnen wären. (Piaget 1973; Lorenz 1973; Riedl et al. 1980; Kihlstrom 1987)



---> !!! Verweis auf: Konstruktivismus - Sicht auf Handlungswissen



Denken und Fühlen stehen nach Ciompi in einem obligaten Zusammenwirken.


Beide Komponenten sind an sämtlichen psychischen Leistungen unausweichlich beteiligt, ganz gleich welche Seite des Bipols (Gefühle – Denken) untersucht werden.

Darüber hinaus ist indes auch einzuräumen, dass wir wohl kein einziges vernünftiges Wort über Gefühle zu sagen vermöchten, wenn wir nicht ständig auf unsere eigenen emotionalen Erfahrungen zurückgreifen könnten. Und ebenso selbstverständlich wird unser Denken stets an fremde und eigene gedankliche Vorarbeit anknüpfen müssen. Im weiteren Verlauf (des Buches) unserer Untersuchungen sollte überdies klar werden, dass affektive Komponenten – unter anderem in Form der so genannten Intuition – auch Wesentliches zur Lösung von intellektuellen Problemen beizutragen haben, genauso wie umgekehrt unser Denken die Gefühle in mannigfachster Weise beeinflusst und erhellt.

... Der Terminus „Affektlogik“ hat eine doppelte Bedeutung: Er meint sowohl eine „Logik der Affekte“ wie auch eine „Affektivität der Logik“ ...


Nach Ciompi’s affektlogischer Theorie sind emotionale und kognitive Komponenten – oder Fühlen und Denken, Affekte und Logik – in sämtlichen psychischen Leistungen untrennbar miteinander verbunden und wirken gesetzmäßig zusammen.


Nach Jean Piaget’s Untersuchungen (und übereinstimmenden Befunden auch aus mehreren anderen Forschungsbereichen) werden vom ersten Lebenstag an angeborene senso-motorische Schemata im handelnden Erleben Stufe um Stufe weiterentwickelt, untereinander koordiniert, äquilibriert (ins Gleichgewicht bringen), automatisiert und schließlich zunehmend „verinnerlicht“ oder „mentalisiert“, das heißt in einen psychischen (oder geistigen) Phänomenbereich übergeführt (Piaget 1977).

Im Unterschied zu Piagets genetischer Epistemologie (Erkenntnislehre), die sich fast ausschließlich auf die Entstehung der kognitiven Strukturen konzentriert, berücksichtigt nun aber die Theorie der Affektlogik systematisch, dass jede Art von Aktivität neben kognitiven auch emotionale Komponenten enthält. Ohne emotionalen Anstoß gibt es keine Aktion. Gemäß konvergierenden Befunden aus verschiedensten Bereichen der Verhaltensforschung und Psychologie, die auch mit der Alltagserfahrung voll übereinstimmen, gehen solche affektive Komponenten obligat in sämtliche sich bildenden kognitiven Strukturen und Gedächtnisspuren mit ein. Mit anderen Worten, als Niederschlag der Aktion oder Erfahrung entstehen nicht bloß kognitive, sondern immer typisch affektiv-kognitive Bezugssysteme oder Schemata. Eine solche regelmäßige Verbindung von kognitiven mit affektiven Elementen ist namentlich bei der Entstehung von bedingten Reflexen etwa vom Typus des sprichwörtlichen „Gebrannte Kinder fürchten das Feuer“ offensichtlich, dass ein mit einer spezifischen kognitiven Gestalt (hier dem Feuer) fest verbundener Angstaffekt dauerhaft vor Schaden zu bewahren vermag ...

Solche erfahrungsgenerierte affektiv-kognitiven Bezugssysteme oder integrierte Fühl- Denk- und Verhaltensprogramme reichen in ihrem Komplexitätsgrad von reflexartigen elementaren Abläufen bis zu hochkomplexen Verhaltensweisen mit zahlreichen Abwandlungsmöglichkeiten und Freiheitsgraden. Ausgehend von angeborenen elementaren Reflexschemata wie beispielsweise dem Saug- oder Greifreflex beginnt ihre Konstruktion und Weiterdifferenzierung am ersten Lebenstag und hört virtuell (der Möglichkeit nach vorhanden) während des ganzen Lebens nicht mehr auf. In den ersten Monaten und Jahren erfolgen dabei grundlegende Prägungen sowohl kognitiver wie namentlich auch affektiver Art, deren Wirkung lebenslang anhalten kann. Neue Lernerfahrungen generieren aber auch teilweise neue Programme, und ein gewisse Um- und Neubau von Gedächtnisinhalten findet, wie einschlägige Untersuchungen zeigen, unter dem Einfluss von neuen Sichtweisen und Erlebnisse bis ins hohe Alter statt.


---> !!! wichtiger Punkt für Unternehmen:
Innovationen – Schaffung neuer Unternehmenskulturen, Leitideen, (Fusionen!) Enabler – Kommunikation


Die in Aktion, also im handelnden Erleben sich bildenden Fühl-, Denk- und Verhaltensprogramme betreffen alle möglichen Bereiche des Lebens, vom Umgang mit alltäglichen Gegenständen und örtlichen und zeitlichen Gegebenheiten über technische Fertigkeiten aller Art bis zu differenzierten zwischenmenschlichen Verhaltensweisen.

Ein Beispiel für derartige Fühl-, Denk- und Verhaltensprogramme sind elementare Angst- oder Vermeidungsreaktionen von der Art der „bedingten“, das heißt durch Erfahrung erworbenen Reflexe ...

In prinzipiell ganz gleicher Weise heften sich aber … charakteristische Affektfärbungen, die mit der Zeit genauso unbewusst werden, auch an alle anderen Kognitionen mit Einschluss sogar von scheinbar affektneutralen, in Wirklichkeit aber versteckt lustvollen Abstraktionen und logischen Operationen. Die fortdauernden Wirkungen solcher Affektkomponenten sind dafür verantwortlich, dass unser Denken – sinnvollerweise – mit situativ bedingten Varianten bevorzugt immer wieder in bestimmten Bahnen oder Schienen kreist, die sich in der Vergangenheit als besonders zweckmäßig (oder „viabel“ – lebensfördernd, konstruktiv) erwiesen haben …

Je besser sich die funktionellen Fühl-, Denk- und Verhaltensprogramme einschleifen und automatisieren, umso weniger sind sie mit bewusster Aufmerksamkeit belegt.


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zuletzt geändert am:    19.04.2005

von:    Roswitha Wettinger