Biologische Grundlagen
... Zudem scheint die Verquickung von affektiven und kognitiven Funktionen noch sehr viel weiter zu gehen, als ursprünglich angenommen.
Emotionale Prozesse sind nach neuerer Erkenntnissen nicht nur im limbischen Bereich lokalisiert, sondern reichen vom Hirnstamm und Hypothalamus über das limbisch-paralimbischen (para – unmittelbar benachbart) System bis weit in die höheren, insbesondere rechtsseitigen präfrontalen Rindenbezirke des Großhirns hinauf.
Andererseits sind wichtige kognitive Funktionen offenbar ebenfalls in den limbischen Strukturen angesiedelt.
Derryberry u. Tucker 1992; Borod 1992; Schore 1994
Für zirkuläre affektiv-kognitive Interaktionen sorgt ein dichtes System von auf- und absteigenden Assoziationsfasern.
Über diese Assoziationsfasern sind die Mandelkerne nicht nur mit den präfrontalen Rindenregionen, die als Sitz der höheren geistigen Funktionen gelten, sondern ebenfalls mit dem Thalamus, dem wichtigsten Schaltzentrum für sensorische Stimuli, eng verbunden.
Es gilt heute als gesichert, dass diese Assoziationsfasern sämtlichen einlaufenden sensorischen Reizen eine positive oder negative emotionale Färbung verleihen.
Über zusätzliche Verbindungen mit den motorischen Rindenregionen und den unmittelbar benachbarten hypothalamisch-hypophysären Hormonregulationszentren beeinflussen die emotionsgenerierenden und regulierenden Bereiche außerdem den vegetativen Apparat und damit die gesamten inneren Organe.
Anatomisch wie funktionell sind also alle Voraussetzungen für die von der Affektlogik postulierten engen Wechselwirkungen nicht nur zwischen affektiven und kognitiven Funktionen, sondern auch zwischen der affektiven Stimmung und dem ganzen „peripheren Körper“ mit Einschluss von sensorischen Funktionen und Psychomotorik erfüllt.
Ein weiteres fundamentales neurobiologisches Phänomen, das im Konzept der Affektlogik eine große Rolle spielt, ist dasjenige der so genannten neuronalen Plastizität. Darunter ist die Tatsache zu verstehen, dass neuronale Verbindungen umso durchgängiger werden, je häufiger sie aktiviert werden.
Zu diesem Phänomen trägt sowohl die sogenannte Langzeitpotenzierung der Synapsen wie auch eine funktionsentsprechende Neubildung von neuronalen Verzweigungen (dentritisches Wachstum) bei. Das neuronale Netzwerk gleicht somit tatsächlich einem Weg- oder Straßensystem, dessen Verbindungswege sich durch den Gebrauch selbst bahnen. Das vergangene Erleben ist in ihrer Struktur gewissermaßen als Kondensat gespeichert, oder anders gesagt: Die gewachsene Feinstruktur des neuronalen Verbindungsnetzes stellt das eigentliche „Gedächtnis“ dar. Diese ist entgegen ursprünglichen Annahmen also nicht in einem eigenen „Gedächtniszentrum“ lokalisiert, sondern vielmehr über (fast) das ganze Gehirn verteilt.
|