Fraktale Affektlogik
Luc Ciompi
 

 

 
 

Affekte als grundlegende Operatoren



Fühlen, Gefühle, Affekte, Emotion haben eine organisatorische-integratorische Wirkung auf das Denken, das Erkennen, die Kognition.

Ciompi fasst dies unter der Bezeichnung Operatorwirkungen der Affekte auf die Kognition zusammen.
Der Begriff des Operators stammt aus der Physik und Mathematik und bedeutet dort eine Kraft, die auf eine Variable einwirkt und diese beeinflusst.




Organisatorisch-integratorische Operatorwirkungen der Affekte auf das Denken


... Solche Operatoreffekte lassen sich in zwei große Gruppen einteilen: nämlich einerseits in allgemeine Wirkungen, die allen Affekten in gleicher Weise eigen sind, und andererseits in spezielle Wirkungen, die von Affekt zu Affekt variieren.


allgemeine Wirkungen

  • Affekte sind die entscheidenden Energielieferanten oder „Motoren“ und „Motivatoren“ aller kognitiven Dynamik
  • Affekte bestimmen andauernd den Fokus der Aufmerksamkeit
  • Affekte wirken wie Schleusen oder Pforten, die den Zugang zu unterschiedlichen Gedächtnisspeichern öffnen oder schließen
  • Affekte schaffen Kontinuität; sie wirken auf kognitive Elemente wie ein „Leim“ oder „Bindegewebe“
  • Affekte bestimmen die Hierarchie unserer Denkinhalte
  • Affekte sind eminent wichtige Komplexitätsreduktoren


spezielle Wirkungen

  • Interesse- bzw. Intentions- oder Hungergefühle
    ... funktionieren als elementare Energieaktivatoren - Bewegungsimpuls ( eine „Motivation“) des „Hin-zu“ ...
  • Angstgefühle
    ... lebenswichtige Warner vor Gefahr – „Repulsoren“ – „Abschrecker“
  • Wut und Aggressivität
    ... Sicherung von psychologischen Grenzen, individuell wie kollektiv, das heißt auch Sicherung der (persönlichen und kollektiven) Identität
    ... auch häufig ein eingesetztes psychologischisches „Lösemittel“ zur Überwindung von dysfunktional gewordenen emotionalen Bindungen.
  • Trauer
    ... im Sinne der sogenannten gelungenen „Trauerarbeit“ (Freud 1916), Abgrenzung von Depression und Melancholie, Verdrängung
    ... dieser Ablösungsprozess macht die unnütz gebundenen emotionalen Energien wieder frei für neue Objekte und Aufgaben
  • Lustbetonte Gefühle wie Freude, Liebe, Vergnügen
    ... übermächtige Attraktoren, die Bindungen schaffen und damit eine individuelle wie sozial gleich lebenswichtige Funktion erfüllen


Affektspezifische Formen von Denken und Logik

... Im Verein mit der Tatsache, dass wir immer in irgendeiner Weise affektiv gestimmt sind, ergibt sich aus dem Zusammenspiel von allgemeinen und speziellen Operatorwirkungen der Affekte auf das Denken eine stete flexible Modulation unserer kognitiven Aktivitäten in Abhängigkeiten von Kontext und Stimmung. Zwischen Emotion und Kognition laufen dabei unaufhörlich zirkuläre Wechselwirkungen: Bestimmte kognitive Reize induzieren oder verstärken bestimmte Affekte und Stimmungen, diese Stimmungen wiederum kanalisieren und organisieren die Wahrnehmung und das Denken ...



Stimmige Denkwege sind lustvoll

... die wissenschaftliche und formale Logik, …stellt nichts als eine spezielle Form des affektgeleiteten Denkens dar. Auch sie ist nämlich an eine besondere psycho-physische Befindlichkeit gebunden, die vielleicht am besten als schöpferische Entspannung bezeichnet werden könnte. Tatsächlich stellen sich, wenn wir den Berichten kreativer Forscher glauben dürfen, neue wissenschaftliche Ideen, und ebenfalls bedeutsame Entdeckungen und Erfindungen, kaum je im Zustand der angespanntesten Arbeit ein, viel ehr wie unbeabsichtigt nach langer vergeblicher Bemühung plötzlich zum Beispiel bei einem Spaziergang., beim nächtlichen Wachliegen oder Dösen vor dem Aufstehen, sogar im Traum.

Aber auch das damit nahe verwandte „rationale“ (oder eigentlich besser: „rationelle“, ökonomische) Denken und formallogische Schließen entsteht und funktioniert, so behaupte ich, zunächst bevorzugt in ganz ähnlichen Befindlichkeiten. Beide entsprechen ursprünglich einer lustvollen Spannungslösung nach unlustvollen Spannungen.



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zuletzt geändert am:    19.04.2005

von:    Roswitha Wettinger