Fraktale Affektlogik
Luc Ciompi
 

 

 
 

Fraktale Affektlogik



Selbstähnlichkeit oder Fraktalität in deterministisch-chaotischen Systemen


Der Terminus „fraktal“ (lat. fractus = gebrochen), mit welchem das Phänomen der skalenunabhängigen Selbstähnlichkeit von Benoit Mandelbrot belegt worden ist, hat mit der nicht ganzzahligen geometrischen Dimension von seltsamen Attraktoren im Zustandsraum zu tun. Die Dimension (oder genauer: „Dimensionalität“) eines Attraktors ist ein Maß für die Zahl der darin bestehenden Freiheitsgrade. Während Punkt, Linie, Fläche und Kubus beliebiger Größe die ganzzahligen Dimensionen 0, 1, 2 und 3 aufweisen, situieren sich die Dimensionen von Fraktalattraktoren irgendwo dazwischen. Sehr schön kann dies anhand der sogenannten Koch’schen Kurve (oder Schneeflockenkurve) gezeigt werden, deren Konfiguration halbwegs zwischen einer Linie und einer Fläche liegt und durch die folgende iterative Operation entsteht.


Neben geometrischen gibt es, wie schon einmal vermerkt, auch zeitliche und sogar statistische Fraktale. Bei ersteren kehren – was gegenwärtig beispielsweise in computergenerierter Musik ausgenützt wird – selbstähnliche rhythmische Gestalten in verschiedensten Zeitdimensionen wieder, während in letzteren statistische Verteilungen im Großen wie im Kleinen sich selbst ähnlich sehen.

Durch analoge, aber komplexere iterative Techniken wie bei der Koch’schen Kurve ist es den Chaoswissenschaftlern gelungen, selbstähnliche Gebilde künstlich zu erzeugen, die den in der Natur vorgefundenen Gelände-, Pflanzen oder Tierformen verblüffend ähnlich sehen.

... Sogar die Filmindustrie hat sich des Phänomens der Fraktalität zur künstlichen Erzeugung von komplizierten Phantasielandschaften und selbst von belebten Pflanzen und Tieren, wie den so wirklichkeitsnahen Dinosauriern im berühmten „Juarassic Park“ von Steven Spielberg, bereits bemächtigt.




Aspekte der Fraktalität von psychischen Systemen


Fraktalität bedeutet ... Selbstähnlickeit in Kleinsten wie größten Dimensionen, „Struktur in Struktur in Struktur“. Sie liegt somit dann – und nur dann – vor, wenn es gelingt, analoge Strukturen oder Dynamismen über mehrere hierarchische Ebenen eines bestimmten Phänomens hinweg nachzuweisen. Anhaltspunkte für eine solche Fraktalstruktur finden wir im psychischen Bereich nun in der Tat in großer Zahl.

Zu den wichtigsten gehören:

  • Hierarchisch unter- wie übergeordnete Fühl- Denk- und Verhaltensprogramme – oder „Bausteine der Psyche“ – unterschiedlichster Größenordnung enthalten obligat affektive Komponenten, die mit kognitiven Elementen funktionell eng verbunden sind. Diese Affekte üben überall gleichartige allgemeine und spezifische Operatorwirkungen auf die kognitiven Elemente aus. Dies begründet skalenunabhängig selbstähnliche grundlegende affektiv-kognitive Dynamismen sowohl innerhalb von elementaren wie von hoch differenzierten Fühl-, Denk- und Verhaltensprogrammen.
  • Unter dem Einfluss derselben Operatorwirkungen der Affekte sind selbstähnliche affektiv-kognitive Dynamismen in ganz kurzfristigen wie auch in lang- und längstfristigen Sequenzen – das heißt auf allen nur möglichen zeitlichen Ebenen – zu beobachten.
  • Analoge Operatorwirkungen der Affekte auf das Denken sind ferner auf der individuell-innerpsychischen, auf der mikrosozialen (z. B. intrafamiliären) und auf der makrosozialen (z. B. internationalen) Ebene am Werk.
  • Umgekehrt lässt sich jede Fühl-, Denk- und Verhaltenstrajektorie auf übergeordneter (z. B. makrosozialer) Ebene in eine beliebige Zahl von selbstähnlichen Trajektorien auf unteren (z. B. mikrosozialen oder individuellen) Ebenen auflösen.


    Trajektorie – (math.) Kurve, die alle anderen Kurven einer Kurvenschar schneidet – bei Ciompi „Verlaufswege“

    Attraktoren sind Bereiche im sogenannten Zustandsraum oder Phasenraum. Der Zustandsraum ist ein abstrakter vieldimensionaler Raum (hyperspace), der durch die relevanten Systemvariablen aufgespannt wird.

    Dies könnte im Fall des Wetters z. B. aus der Temperatur, dem Luftdruck, der Luftfeuchtigkeit, der Strahlungsintensität ect. bestehen.

    Der Attraktorbereich setzt sich aus sämtlichen Verlaufswegen oder Trajektorien zusammen, welche ein System unter der Wirkung von bestimmten Zwängen (constraints) in einem solchen Phasenraum iterativ zu durchlaufen vermag.



  • Selbstähnliche affektiv-kognitive Dynamismen sind ebenfalls auf der biologischen, psychologischen und sozialen Ebene zu vermuten.



Jules Zwimpfer über Ciompi's Fraktale Affektlogik

http://www.gfk-institut.ch/Texte/ciompi.html



„Oft hören sich die Modelle über Gefühle in der Körperpsychotherapie leicht verstaubt an. Sie beruhen noch auf Metaphern von Pumpe, Druck, Stauungen, usw. Ciompi beschreibt affektiv-kognitive "Eigenwelten", redet z.B. von Angst und Angstlogik, Wut und Wutlogik, Trauer und Trauerlogik, Freude, Lust- und Liebeslogik und auch Interesse- und Alltagslogik.

Er beschreibt sehr wertfrei die Welt dieser Gefühlszustände.

Er sieht eine hochkomplexe Potentiallandschaft mit Vertiefungen und Erhöhungen, die sich verändern können. Durch diese individuelle Landschaft rollt dann eine "Kugel", die dem Aufmerksamkeitsfokus entspricht. Dabei werden die verschiedenen Gefühlszustände wahrnehmbar, wie sie in diesen Attraktoren anzutreffen sind.

Solche Metaphern beschreiben die Dynamik der Emotionen viel wertfreier und mit weniger Ideologie als andere.“

Mit der fraktalen Logik liefert er auch ein Modell über die scheinbare Unlogik von Gefühlen. Er beschreibt das Kippverhalten mit chaostheoretischen Modellen.

"Von Interesse ist ferner, dass es bei fortgesetzter Erhöhung der psychischen Spannung durch zu viel Informations- beziehungsweise Energiezufuhr, chaostheoretisch ganz folgerichtig, an bestimmten Punkten obligat zum Umschlag in ein anderes globales Funktions- beziehungsweise Energiedissipationsmuster kommen muss."

(Dissipation - Übergang einer umwandelbaren Energieform in eine nicht-umwandelbare)



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zuletzt geändert am:    19.04.2005

von:    Roswitha Wettinger