Fraktale Affektlogik
Luc Ciompi
 

 

 
 

Theoretische und Praktische Konsequenzen



Theoretische Vernetzungen und Abgrenzungen


Als Bestätigung wesentlicher Teile des vorliegenden Ansatzes können des weiteren auch mehrere amerikanische Publikationen aufgefasst werden die noch während der Arbeit an diesem Buch erschienen sind. Dazu gehören die Bücher von Antonio Damasio 1994 … und Daniel Goleman 1995, die sich mit je unterschiedliche neurobiologischen … und neurophysiologischen Aspekten der Psyche befassen. Sowohl Damasio wie Goleman – ersterer als neurologisch-neurophysiologischer Forscher, letzterer als neurobiologisch interessierter Psychologe und Wissenschaftsjournalist – gehen aufgrund der Forschung ganz gleich wie wir selbst von der Annahme aus, dass emotionale Einflüsse mit allem Denken untrennbar verknüpft sind.

Damasio berichte von eindrucksvollen entsprechenden Beobachtungen an Hirnverletzten und weist auf dieser Basis nach, dass sinnvolles rationales Denken und Handeln ohne intakte emotionale Funktionen nicht möglich sei. Er beschreibt unter dem Namen „somatisch Marker-Hypothese“ (Wirkung von gefühlsnahen Körpersignalen auf die Denktätigkeit) ebenfalls gewisse operatorartige Affektwirkungen … und gelangt … zu einer unserem Konzept der Alltagslogik sehr ähnlichen Auffassung von emotionalen Einflüssen selbst in scheinbar ganz affektfreien Denkoperationen. Auch er misst des weiteren (unter Verwendung eines mit dem unseren praktisch identischen Affekt- bzw. Emotionsbegriffs) der Wirkung von körperlichen Gestimmtheiten selbst noch in subtilsten denkerischen Abläufen eine große Bedeutung zu („rationality is probably shaped and modulated by body signals, even as it performs the most sublime (unglaublichsten) distinctions – Damasio 1994. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang sein Hinweis, dass solche Wirkungen oft bloß noch über „symbolische“ (statt konkret körperliche) Aktivierungen laufen können.

Goleman seinerseits entwickelt auf ganz ähnlichen Grundlagen das Konzept einer „emotionalen Intelligenz“, die der mit gebräuchlichen Intelligenzquotienten erfassten rein kognitiven Intelligenz in Beruf und Alltag weit überlegen sei. Er zeigt vielfältige lebenspraktische Bezüge einer solchen „emotionalen Intelligenz“ auf und fordert folgerichtig deren – vereinzelt in den USA offenbar schon praktizierte – systematische Förderung in den Schulen.

... Die inzwischen entwickelte Fraktalhypothese der Psyche liefert außerdem ... ein zusätzliches Argument zu Postulat eines nur relativen statt radikalen Konstruktivismus: Wenn wir nämlich davon ausgehen, dass der psychische Apparat als Ganzes von fraktaler Struktur ist und zugleich nichts als ein fraktaler Teil von einem noch viel größeren Ganzen – zunächst von allgemeinen biologischen und sozialen Regulationen, und letztlich wohl von generellen Naturgesetzlichkeiten überhaupt – darstellt, so enthält jeder Aspekt der Psyche seinerseits diese übergeordneten Ganzheiten in fraktaler Spiegelung. Auch alle unsere Theorien und Weltbilder müssten demnach in wenn auch noch so verzerrter Abwandlung ein „Körnchen Wahrheit“ allein schon deshalb enthalten, weil sie selbst ein fraktales Produkt dieses ganzen sind.



Praktische Konsequenzen für die Kommunikation


  • Kognitive Informationen haben immer eine affektive Färbung. Bestimmte Informationen können nur in bestimmten Stimmungen aufgenommen werden. Stimmungskonforme Informationen werden am leichtesten, stimmungsdifferente am schwersten aufgenommen.
  • Der Austausch von kognitiver Information zwischen zwei (oder mehr) Partnern gelingt am besten in übereinstimmender oder ähnlicher affektiver Grundstimmung. Um ein Bild aus der Nachrichtentechnik zu gebrauchen: Nur wenn Sender und Empfänger auf der gleichen Wellenlänge eingestellt sind, können Informationen ausgetauscht werden.
  • Kognitionen mit gleicher oder ähnlicher Affektfärbung haben die Tendenz, sich zu umfassenderen affektspezifischen Eigenwelten ( im Sinn der Wut-, Angst, Trauer-, Freude- oder Alltagslogik ect.) zu verknüpfen, währen affektdifferente Kognitionen dazu tendieren, sich voneinander zu trennen.
  • Negative Gefühle wie Wut, Angst ect. haben spezifisch trennende, distanzierende und ablösende Wirkungen auf damit belegte Kognitionen. Positive Gefühle wie Freude, Liebe, Vergnügen ect. Vermögen einzelne in dieser Stimmung erlebt kognitive Elemente zu größeren Entitäten bis zu umfassenderen affektspezifischen „Eigenwelten“ zu verknüpfen. Eine Mischung von positiven und negativern Affekt von zunehmend geringer Intensität schließlich automatisiert und banalisiert einmal etablierte Affekt-Kognitionsverbindungen.
  • Zur Veränderung von automatisierten Affekt-Kognitionsverbindugnen bedarf es umgekehrt einer gewissen emotionalen „Aufheizung“.

    ---> !!! Motivation durch emotionale Mittel !!!

  • Umfassende Veränderung des Denkens und Verhalten erfolgen in erster Linie aufgrund von globalen affektivern Umstimmungen mit kritischer Veränderung bedeutsamer Kontrollparameter. Einer der wichtigsten Kontrollparameter scheint die affektive Spannung zu sein.

In Umrissen zeichnet sich aus solchen Regeln die Möglichkeit einer Art von affektiv-kognitiven Engineerings auf wissenschaftlicher Grundlage ab.



Fraktale Affektlogik und Körpererleben


Wesentliche körperwirksame Komponenten enthalten, wie schon angedeutet, auch das gemeinsame Singen, Musizieren, Handwerken, ja sogar das bewusste laut oder leise Reden, Rufen, Schreien. Denn all derartigen Aktivitäten beeinflussen günstigenfalls – unter anderem über die Atmung – die globale psycho-physische Stimmung, schaffen eine besondere Atmosphäre, polen den Geist um. Mit dem Körpergefühl verändert sich auf einer tieferen Ebene immer auch das Verhältnis zum Raum und damit zur Welt überhaupt (zum In-der-Welt-Sein, um mit Heidegger zu reden).

... Die Tatsache schließlich, dass das Denken vom Handeln kommt, hat eine oft übersehene eminent praktische und zugleich in einem tiefen Sinn erkenntnistheoretische Bedeutung: Wie müssen immer wieder im konkreten Wortsinn handeln, Hand anlegen, handarbeiten, um unser Denken, unsere Theorien zu überprüfen ...

Konkretes motorisches Handeln und Handanlegen, so nebensächlich es im Zeitalter von Automobil, Flugzeug, Cyberspace oder „künstlicher Intelligenz“ und der weltumspannenden Mediennetze und –aktionen auch scheinen mag, führt und immer wieder auf einfachste Weise zu den Ursprüngen, zum „Eigentlichen“ zurück: Es „erdet“ uns und holt uns herab aus dem ungeheuerliche künstlichen Überbau, in den wir uns mit unseren allgegenwärtigen Zeit- und Raumraffmaschinen, unseren Computern, Kunstlandschaften, Bild- und Musikkonserven verstiegen haben.

Denn unsere primäre (oder erste und gewiss auch letzte) Wirklichkeit ist, all diesen Kunstwelten zum Trotz, immer wieder der Körper. Der heilsame Effekt des körperlichen Handelns beruht auf der Tatsache, dass wir erst im Handanlegen wieder zu erleben vermögen, wie die Welt konkret beschaffen ist und wo und wie wir uns eigentlich befinden: Beim Jäten, Wandern, Holzspalten, beim Singen und Spielen und Laufen finden wir ganz von selbst einen Zugang zu den uns gemäßesten … Rhythmen und Geschwindigkeiten – und merken vielleicht erst dann auch wieder, wo unsere elementare Lust sitzt, und beginnen somit auch lustvoll zu denken: zum Beispiel ans Lieben und Streicheln und an all das, was sonst noch möglich wäre mit etwas mehr langsamer Liebeslogik anstelle einer geschwindigkeitsbesessenen Angst- oder Wutlogik.



Alltagspraktische Implikationen


... Emotionale Stimmigkeit oder Unstimmigkeit entscheidet wesentlich über den Erfolg von Kollaboration und Kommunikation in Alltagssituationen aller Art. Aufgaben, die die Zusammenarbeit mehrerer Personen erfordern, sind ohne eine gemeinsame affektive „Wellenlänge“ nicht zu lösen. Untergründige Missstimmungen, die von einem Streit oder ungelösten Dauerkonflikt her die Kommunikation und auch Perzeption des Partners und seiner Aktionen vergiften, beeinträchtigen nicht nur das allseitige Lebens- und Selbstwertgefühl, sondern auch die kreativen Fähigkeiten aller Beteiligten zum Finden von konstruktiven Sachlösungen. Dies gilt in Ehe und Familie so gut wie im Beruf oder bei irgendwelchen Freizeitaktivitäten. Die alltagspraktische Nutzanwendung aus dieser Einsicht lautet dahin, dass es dringlich ist vor allen weiteren Lösungsversuchen eine solche emotionale Übereinstimmung dort, wo sie fehlt, im offenen Gespräch zu suchen, das heißt, vorliegende Unstimmigkeiten nicht einfach zu verdecken ...

... Das Finden von kreativen Lösungen beruht nach unserer Theorie, emotional gesehen, auf einer lustvollen Entspannung, die viel mehr als eine bloße emotionale Begleit- oder Folgeerscheinung einer jeden geglückten Entdeckung ist und zentral mit dem affektenergetisch so bedeutsamen Aspekt der Ökonomie durch Komplexitätsreduktion zusammenhängt.

Diese Einsicht lässt sich zunächst in eine ganz banale und vielen Betroffenen längst bekannte praktische Nutzanwendung umsetzen: nämlich dass kreatives Denken im kritischen Moment des höchsten Problembewusstseins am ehesten aus Entspannung und Ablenkung kommt; dass also ein Wissenschaftler, Künstler oder Erfinder gut daran tut, von seinem Thema nach Perioden der vollen Konzentration von Zeit zu Zeit gänzlich abzulassen und etwas völlig anderes zu tun und zu denken – beispielsweise mit Kindern zu spielen, mit der Hand und dem ganzen Körper statt nur mit dem Kopf zu arbeiten, oder auch einfach zu faulenzen.

Eine mit letzterem verwandte, aber schon weniger banale Möglichkeit, schöpferisches Denken zu fördern, besteht in der bewussten Verlangsamung des psychischen Tempos auf irgendeine der tausend möglichen Weisen, die hierfür zur Verfügung stehen: beispielsweise durch Verzicht aufs Flugzeug zugunsten der Eisenbahn; auf Eisenbahn oder Auto zugunsten des Fahrrads; auf alle mechanischen Beschleuniger zugunsten des Fußmarsches. Oder durch zeitweiligen Verzicht auf Maschinen und technische Hilfsmittel überhaupt mit Einschluss des elektrischen Lichts, das uns die Nacht zum Tag macht und den Blick auf die Sterne – und damit auf einen grundlegenden „Zusammenhang“ erster Ordnung – verdeckt.

Andere Wege zu solchen Zusammenhängen öffnen sich durch Meditation, durch Schlafen, durch Stillesein: Fast unweigerlich wird dabei in irgendeiner Weise eine bisher übersehene kleine oder große Schönheit aufleuchten – und wenn einmal Schönheit im Spiel ist, dann ist Kreativität nicht mehr fern.

Denn statt von der Ökonomie des kreativen Denkens könnte man auch von seiner Schönheit oder Eleganz reden: Jede Erkenntnis hat eine ästhetische Dimension; Erkennen hat mit dem Sehen von Schönheit zu tun – von intellektueller Schönheit, geistiger Schönheit oder menschlicher Schönheit so gut wie von konkret bild- oder gestalthafter, sensorieller, erlebnis- und gefühlshafter Schönheit. – Genau hier ist wohl der entscheidende Beitrag zu lokalisieren, den Freude, Liebe zu Menschen und Dingen, lustvolles Sein überhaupt lebenspraktisch zu leisten vermögen: Sie öffnen, wie wir früher schon einmal sahen, Geist und Augen; sie verbinden mit einem „Ewigen“ oder „Essentiellen“, und sie stellen ebenfalls in uns selbst eine Kontinuität mit einer „gehobenen“ Seinsweise her, deren existentieller Stellenwert philosophisch namentlich von O. F. Bollnow erschlossen worden ist.

Diese Interpretation des Wesens der Kreativität, und ebenfalls ihre vorgeschlagene „Nutzanwendung“, wird von vielen schöpferischen Menschen geteilt und bestätigt. Wenn sie stimmt, dann besteht nicht nur aus philosophischen oder religiösen, sondern ebenfalls wohl aus affektwissenschaftlichen ein gewisser Anlass zur Hoffnung:

Denn dann sollten oder müssten doch die (Lust-)Wege jeder Erkenntnis mit Einschluss derjenigen, die zu einem besseren Verständnis unserer eigenen Psyche hinführen, allen Um- und Abwegen zum Trotz letztlich Wege zu einer Art von größerer Entspannung und Harmonie sein, die wir nicht besser als mit dem Begriff der Schönheit zu bezeichnen vermögen.



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zuletzt geändert am:    19.04.2005

von:    Roswitha Wettinger