Die grosse Verführung


Die große Verführung


Referat zum ZEIT-Interview mit Neil Postman
Von Tanja Maywald


Amerikas führender Kultur- und Technikkritiker Neil Postman äußert sich in dem Interview "Die große Verführung" des Magazins ZEITPunkte 5/96 zur Problematik des Internets in der Gesellschaft. Im folgenden möchte ich seine Position darlegen und dazu Stellung nehmen.
Zu Beginn des Interviews übt Neil Postman Kritik am Schulwesen. Das Medium Computer wird demnach als Lehrmittel in Schulen falsch eingesetzt. Es handelt sich um einen falschen Lehransatz, da der Computer nicht gemäß seinen vielfältigen Möglichkeiten benutzt wird, sondern eher wie ein Arbeitsheft oder andere herkömmliche Lehrmittel. Weiterhin bezweifelt Postman, ob zum Erlernen des Computers als technischem Medium das Zutun von Schulen überhaupt nötig ist. Statt einer umfassenden Vernetzung von Schulen sollten große Geldsummen von staatlicher Seite eher in andere Dinge investiert werden, z. B. in höhere Löhne für öffentliche Bedienstete, "damit sie weniger streiken".
Im Vergleich mit dem Lesen und Schreiben als Techniken weist Postman darauf hin, daß der Umgang des Computers wohl eine andere Denkweise erfordert. Lesen und Schreiben bilden die Grundlagen analytischen Denkens, wohingegen die dem Computer innewohnende Kraft noch unklar ist.
Die Bedeutung des Internets liegt gemäß Neil Postman weniger im privaten Bereich, sondern eher in der wissenschaftlichen Forschung, bei großen Organisationen und in der Wirtschaft. Seiner Meinung nach haben die Menschen heute schon ein Übermaß an Information zu bewältigen. Bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme wie z. B. Verbrechen oder Hungersnot kann die zunehmende Vernetzung keine Hilfe bieten. Das noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts herrschende Problem der Informationsknappheit wurde schon vor der Einführung des Computers mit Techniken wie Telegraphie und Photographie gelöst.
Letztendlich sieht Neil Postman im Internet weder ein Gemeinschafts- noch ein Konversationsmedium. Durch die räumliche Distanz zwischen den Teilnehmern eines Computer- und Telefonnetzes könne keine echte Gemeinschaft bzw. Konversation entstehen. Ebenso zieht der Technikkritiker einen herkömmlichen Briefwechsel der elektronischen Post vor. Eine wirkliche Gemeinschaft sei der Internet-Gemeinschaft auf jeden Fall vorzuziehen, da eine "Pseudogemeinschaft" keinen adäquaten Ersatz für ein echtes Leben bieten kann.
Meiner Ansicht nach muß bei einem neuen Medium erst eine Annäherung stattfinden, der Umgang mit dem Computer in der Schule auch von Lehrerseite erst erlernt werden. Die Lehrer müssen sich zunächst erst einmal selbst mit den Nutzungsmöglichkeiten des Computers auskennen, bevor sie diese gewinnbringend an ihre Schüler weitergeben können. Zur finanziellen Fragen denke ich, daß mehr gut ausgebildete Lehrkräfte eingesetzt werden sollten, und daß der Unterricht in kleineren Gruppen sinnvoll wäre, und nicht der Ansatz, höhere Löhne zu zahlen. Neil Postman schlägt kaum praktikable Lösungsansätze vor, sondern beschränkt sich weitgehend auf bloße Kritik an der derzeitigen Situation.
Außerdem bin ich der Meinung, daß Postman die zukünftig zu erwartende Bedeutung des Internets für die Allgemeinheit vernachlässigt, denn die Entwicklung zu umfassender Nutzung durch Privatpersonen steht erst am Anfang. Durch die zunehmende Kommerzialisierung des Internets könnten auch bisher noch nicht vorhandene bzw. heute schon im Ansatz vorhandene oder denkbare Dienstleistungen an Bedeutung gewinnen. Die Entwicklung tendiert wohl zu einem umfassenden elektronischen Medium mit u. a. folgenden Nutzungsmöglichkeiten:

· elektronische Bestellungen (heute schon möglich)
· Video On Demand (als Weiterentwicklung des Fernsehens)
· elektronische Informations- und Nachrichtendienste anstelle herkömmlicher Zeitungen und Zeitschriften

Weiterhin denke ich, daß die Vorteile der virtuellen Gemeinschaft in dem Interview von seiten Neil Postmans nicht gewürdigt werden. Er akzeptiert das Internet nicht als Ergänzungsmöglichkeit zum richtigen Gespräch. Doch halte ich eine Koexistenz zwischen richtiger Kommunikation und des Gesprächs mittels eines technischen Mediums für denkbar. So können sich beispielsweise Teilnehmer eines Diskussionsforums, die anonym bleiben möchten, zu einem bestimmten Thema im Internet frei äußern. Daraus ergibt sich wiederum das Problem, an welchem Punkt die Meinungsfreiheit aufhört und möglicherweise eine Art Zensur einsetzen sollte. Als positiv würde ich auch bewerten, daß sich durch das Internet und die elektronische Post weitgehend problemlos und schnell große räumliche Distanzen überbrücken lassen.
Sicher ist jeder Art von Technik gegenüber ein gewisses Maß an Kritik und Vorbehalten gerechtfertigt, doch da sich die technische Weiterentwicklung im allgemeinen nicht stoppen läßt, erachte ich es für sinnvoll, zu versuchen mit der Entwicklung insofern geistig schrittzuhalten, daß man sowohl positive als auch negative Aspekte bei jeglicher Betrachtung anführt. Neil Postmans Darstellung halte ich für etwas einseitig, da er meinem Empfinden nach eine sehr negative Haltung der Technik gegenüber einnimmt, die sicher bei der von ihm als "Haufen technologiefreundlicher Ignoranten" bezeichneten Gruppe von Leuten weitgehend auf taube Ohren stoßen wird. Daher wird Postman nur bestimmte Leute mit seinen Gedanken und Ideen erreichen, nämlich hauptsächlich ähnlich technikvoreinge- nommene Menschen, die anderen werden sich wohl eher nicht angesprochen fühlen.



Quelle:
Susanne Gaschke und Uwe Jean Heuser. "Die große Verführung." ZEITPunkte 5 (1996): 14-16.

zurück zur Hauptseite