Thomas H. Davenport:
Thomas H. Davenport ist Professor
an der betriebswirtschaftlichen Fakultät der University of Texas in
Austin und leitet dort das Information Management Programm.
Früher war er Partner im Center für
Information Technology and Strategy von Ernst & Young und Direktor
der informationstechnologischen Forschung bei McKinsey und CSC Index.
Laurence Prusak:
Laurence Prusak ist geschäftsführender
Direktor der IBM Consulting Group in Boston und Wissensmanagementexperte
für IBM weltweit. Zuvor war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter/Berater
bei Ernst & Young sowie bei Mercer Management Consulting tätig,
lehrte außerdem Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an verschiedenen
Universitäten. Er hält zahlreiche Vorträge und wird in Zeitschriften
wie Fortune, Business Week etc. häufig im Zusammenhang mit Unternehmenswissen
zitiert, ist als Autor an Buchveröffntlichungen beteiligt und verfaßt
Beiträge für Zeitschriften wie International Journal of Information
Management, Sloan Management Review etc.
Wissensgenerierung
Es geht hier um die bewußte und unbewußte
Wissensgenerierung - mit den spezifischen Aktivitäten und Initiativen,
die Unternehmen durchführen, um ihre Wissensbestände zu erhöhen.
Davenport hat 30 prozeßorientierte
Ansätze zu verbessertem Umgang mit Wissen gemeinsam mit zwei Koautoren
untersucht.
Ergebnis: Die meisten erfolgreichen
Initiativen betrafen nicht den Prozeß der Wissensgenerierung als
solchen, sondern vielmehr externe Arbeitsbedingungen einschließlich
Standort und Teamstruktur.
5 Möglichkeiten der Wissensgenerierung:
-
Akquisition von Wissen
-
Einrichtung spezieller Wissensressourcen
-
Wissensbeschaffung durch Fusion
-
Innovative Adaption
-
Wissensvernetzung
Akquisition von Wissen:
Wissensgenerierung ist sowohl
-
extern erworbenes Wissen einer Organisation
sowie
-
von der Organisation intern entwickeltes Wissen.
Erworbenes Wissen muß nicht neu sein
- es ist lediglich neu für das akquirierende Unternehmen.
Beispiel BP:
British Petroleum verleiht dem
Mitarbeiter, der die besten Ideen in der Anwendungsentwickung "gestohlen"
hat, den Titel: Dieb des Jahres !
Das Spanisches Sprichwort: "Guter Diebstahl
ist halbe Arbeit" macht im Wissensgeschäft durchaus Sinn.
=> Das wissensorienierte Unternehmen muß
zweckdienliches Wissen parat haben, wann immer und wo immer sich Anwendungsmöglichkeiten
bieten -
die Erzeugung neuer Ideen um der Ideen
willen ist hier nicht gefragt.
Der direkteste Weg und häufig der
effektivste Weg zur Aneignung von Wissen ist die Wissensakquisition:
Kauf einer geeigneten Organisation
Beschäftigung von Mitarbeiter mit dem
benötigten Wissen.
Häufig wird ein über dem Marktwert
des Unternehmens weit herausgehender Kaufpreis gezahlt, weil der erhofften
Erweiterung der eigenen Wissensbestände hoher Wert beigemessen wird.
Beispiel: IBM- Lotus
IBM kaufte Lotus 1995 auf und
zahlte 3,5 Milliarden Dollar- das Vierzehnfache des mit 250 Millionen angesetzten
Lotus- Buchwerts.
Der von IBM gezahlte Spitzenpreis ist Ausdruck
der hohen Wertschätzung, die IBM dem speziellen Wissen von Lotus in
bezug auf Notes und andere gemeinschaftlichen Software- Anwendung beimaß.
Die Leute, die Notes erfunden hatten, besitzen
das Potential an Kompetenz, Erfahrung und Kreativität, das IBM braucht,
um sein Wissen auf die neue Welt der kollaborativen Software anwenden zu
können.
Sie sind fähig, Visionen zur nächsten
Software-Generation für den Kommunikations- und Informationsaustausch
zu entwickeln.
IBM hat aufgrund seiner Überzeugung
gehandelt, daß diese Kapazität von Lotus, das Lotus – Wissen,
einen höheren Mehrwert schafft, als rein rechnerische Bilanzen ausweisen
können.
Beispiel: NCR- AT&T
AT&T kaufte NCR, um sich Zugang
zur Computerbranche zu verschaffen.
Dieses Akquisition scheiterte unter anderem
auch an einer keineswegs ungewöhnlichen Fehlentwicklung.
Es wurde die Zielsetzung verfolgt, ein
bestimmtes Wissen mit einem anderem Wissenstyp zu kombinieren- wie in diesem
Beispiel, wo NCR- Wissen in der Computerbranche mit dem Wissen von AT&T
auf dem Gebiet der Kommunikation verbunden werden sollte.
=> Wissen wird im Rahmen einer spezifischen
Unternehmenskultur generiert, so daß es sich einem Transfer nachhaltiger
widersetzt als die meisten anderen Unternehmensressourcen.
Ein Unternehmen, das ein anderes Unternehmen
aufgrund des dort vorhandenen Wissens erwirbt, kauft:
Leute (beziehungsweise Wissen, das in den
Köpfen der Leute und in der Gemeinschaft der Wissensträger steckt)
ein bestimmtes Maß an strukturiertem
Wissen
sämtliche Routinen und Prozesse, in die
das Wissen des gekauften Unternehmens eingebettet ist.
Bewertung des gekauften Wissens erweist
sich als äußerst schwierig.
Es gibt noch keine zuverlässigen
analytische Werkzeuge- so erfolgt die Bestimmung rein spekulativ und zuweilen
unbotmäßig subjektiv.
Deshalb ist Sorge zu tragen, daß
die wichtigsten Leute durch Arbeitsverträge und Abfindungsvereinbarungen
wenigsten ein paar Jahre "unter Verschluß" gehalten werden.
Wissen und Talent ist nicht mit Universitätsabschlüssen
gleichzusetzten - der Vorsitztende von Microsoft hat nicht einmal einen
College- Abschluß.
Das Wissen, das Sie zu kaufen gedenken,
könnte sich mit unerkannt gebliebenen Wissensträgern verabschieden.
Beispiel: El Products- Grimes
El Products kaufte 1988 Grimes-
beide Unternehmen stellten Elektrolumineszenzplatten her.
ELP wollte damit nicht nur einen Konkurrenten
loswerden, sondern versprach sich auch Vorteile von den anscheinend größeren
Expertenwissen bei Grimes bezüglich der effizienten Produktion hochwertiger
Beleuchtungskörper.
ELP wollte das Wissen von Grimes kauften.
Allerdings übersah das Unternehmen, daß es sich bei dem entscheidenden
Expertenwissen um das verborgene Wissen von Fachkräften handelte,
die nicht in den neuen Betrieb übergewechselt waren.
Damit konnte der transferierte Prozeß
nicht zufriedenstellend funktionieren: Die wichtigsten Wissensträger
fehlten.
=> Auch Veränderung in der Arbeitsumgebung
(Größe, Management und immaterielle Werte wie Vertrauen, Arbeitsklima)
können die Wissenskultur empfindlich stören.
Wissen gedeiht am besten in der Umgebung,
in der es entstanden ist.
Beschaffung von "Mietwissen":
Die Beschaffung von "Mietwissen" bedeutet
die Anmietung von Wissensquellen:
-
Hinzuziehen eines Beraters für ein bestimmtes
Projekt
-
Ein Unternehmen unterstützt Forschungsprojekte
an der Universität oder einer anderen Forschungseinrichtung
Beispiel: Hoechst
Das Pharmaunternehmen Hoechst
unterstützt Forschungsarbeiten des molekularbiologischen Institut
am Massachusetts General Hospital in der Hoffnung, auf diese Weise die
Entwicklung eines profitablen neuen Medikaments zu fördern.
=> "Mietwissen" hat immer was mit Wissenstransfer
zu tun
Zwar handelt es sich nur um eine temporär
zugängliche Wissensquelle, doch aller Wahrscheinlichkeit
noch verbleibt ein Teil des Wissens beim Unternehmen.
Wenn man sich "Mietwissen" beschafft,
sollte man sicher gehen , daß man dieses Wissen auch behalten kann.
Ein Unternehmen muß wissen, was es
will, um letztlich an das benötigte Wissen gelangen zu können.
Hochkarätige Berater sind zuweilen
überrascht, welch geringe Erwartung die Klienten an einen solchen
Wissenstransfer stellen.
Einrichtung spezieller Wissensressourcen
In Unternehmen trifft man häufig auf
Abteilungen, deren Ziel ausschließlichh in der Bereitstellung neuen
Wissens bzw. neuer Verfahrensweisen liegt. Dazu zählen:
-
Kompetenzentwicklungsgruppen
-
Unternehmenseigene Forschungs- und Ausbildungsstätten
-
Forschungs- und Entwicklungsabteilungen
F+E-Abteilungen werden jedoch von den anderen
Unternehmensteilen, vom Arbeitsalltag der Organisation getrennt, um den
Wissenschaftlern die Freiheit einzuräumen, ihren Forschungs-arbeiten
ohne Zwänge und Ablenkungen (d.h. ohne Gewinnziele, Terminvorgaben
etc.).
Problem: entstehende Distanz zwischen
den Wissensgeneratoren und den Wissensnutzern. Diese ist beim Wissenstransfer
nur schwer zu überbrücken, vor allem wenn es sich nicht um explizit
formulierbare Ideen, sondern um „internes“ implizites Wissen handelt.
Beispiel: Xerox
Die Wissensarbeiter im Xerox PARC
entwickelten Schlüsselelemente für den graphischen Schnittstellen-rechner
samt Maus, graphischen Symbolen und Menüs. Die Bedeutung und den potentiellen
Wert der Innovation verkannte man aber, da die Entscheidungsträger
bei Xerox der Forschung nicht nahe genug standen, als daß sie das
neugeschaffene Wissen hätten wertschätzen können. Steve
Jobs hingegen war aufgrund seiner Arbeit bei Apple für solche neue
Ideen höchst empfänglich und erkannte sehr schnell ihr Potential.
Ein kurzer Besuch bei Xerox PARC war alles, was er brauchte, um die Früchte
einer jahrelang von Xerox finanzierten Forschung zu ernten. Zu Hause bei
Apple baute er daraufhin den Macintosh – im wesentlichen auf Kosten von
Xerox. Dem Unternehmen war eine große Marktchance entgangen.
Manager müssen deshalb nachdrücklich
dafür sorgen, daß die Erkenntnisse (das generierte Wissen) dem
ganzen Unternehmen zugänglich gemacht werden.
Beispiel: Sharp
Bei Sharp werden Forschungsresultate
der zentralen F+E-Gruppen formal den Forschungs-labors der neun Sharp-Geschäftsbereiche
übermittelt und dann an die Labors der Geschäftssparten weitergeleitet.
Um Wissen dorthin zu bringen, wo es von Nutzen ist, steht es den Wisenschaftlern
aus den zentralen Forschungsgruppen auch frei, mit ihrem Wissen auf Gruppen-
oder Spartenebene überzuwechseln.
Daneben ist man durch regelmäßig
organisierte Treffen auf unterschiedlichen Ebenen bestrebt, die F+E Strategie
sowie den Transfer und die Integration neuentwickelten Wissens in die Geschäftsbereiche
zu planen.
Wissensbeschaffung durch Fusionen
Leute mit unterschiedlichen Fähigkeiten,
Ideen und Wertvorstellungen werden bewußt zusammengeführt, mit
dem Ziel, gemeinsam Problemösungen zu finden oder Projekte zu bearbeiten.
Damit werden bewußt Komplexität und sogar Konflikte eingeleitet,
um neue Synergieeffekte zu erziele und so zu kreativen Lösungen zu
gelangen.
Dorothy Leonard-Barton bezeichnet diesen
Prozeß als „kreativen Abrieb“. „Innovationen“, sagt sie, „entstehen
an den Übergängen zwischen unterschiedlichen Einstellungen und
Sichtweisen und nicht innerhalb der provinziellen Grenzen ein und derselben
Wissens- und Kompetenzbasis.“
Beispiel: Nissan Design International
Bei Personalentscheidungen wird
darauf geachtet, daß die kognitive Diversität gefördert
wird: ein analytisch und rational denkender neuer Mitarbeiter wird gleich
durch einen Kandidaten mit intuitiven und ästhetischen Neigungen „kompensiert“.
Nonaka und Tekeuchi fassen unter dem aus
der Kybernetik entlehnten Begriffs der „erforderlichen Vielfalt“
(requisite variety) den Zugang zu einem viel umfassenderen und
komplexeren Ideenpool zusammen.
Die Verschiedenartigkeit der Individuen
hindert die Gruppe daran, in Routine-Problemlösungen zu verfallen.
Da die Gruppe als solche keine vertrauten Lösungen kennt, müssen
die Gruppenmitglieder gemeinsam neue Ideen erarbeiten oder ihre alten Ideen
auf neuartige Weise kombinieren. (Dabei sollten Komplexität und
Diversität der zur Bearbeitung eines Problems eingesetzten Kräfte
der Komplexität und Diversität des anstehenden Problems entsprechen!)
Beispiel: Matsushita
Die Entwicklung des ersten Brotbackautomaten
bei Matsushita führen Nonaka und Takeuchi als praktisches Beispiel
für „erforderliche Vielfalt“ und „kreatives Chaos“ an. Matsushita
kombinierte drei kulturell unterschiedliche produktsparten mit dem Ziel,
einen erfolgreichen Brotbackautomaten zu entwickeln. Das neue Produkt vereinigte
das Wissen der ersten Gruppe auf dem Gebiet der Computer-steuerung, die
Erfahrungen der zweiten Gruppe mit der Induktionsheiztechnologie und die
Kenntnisse der dritten Gruppe in bezug auf Drehmotoren. Das kreative Chaos
resultierte aus dem Zusammenbruch alter Annahmen und Verfahrensweisen –
einer absichtlich herbeigeführten Erschütterung des Status quo,
der bei konventioneller Darstellung kaum als innovativ gelten kann.
Vorsicht!: Totales Chaos ist alles andere
als kreativ. Kreativer Abrieb und Fusion setzen eine gemeinsame Grundlage
voraus: ein gewisser Wissensaustausch muß stattfinden, bevor „Kollaboration“
möglich wird. Dabei bedarf es eines erheblichen Aufwands an Zeit und
Mühe, um Gruppenmitgliedern durch Wissensaustausch und eine gemeinsame
Sprache die Zusammenarbeit überhaupt zu ermöglichen. Damit das
Aufeindertreffen verschiedener Arbeitsstile und Ideen keine Konfrontationen
auslöst, sondern positive Ergebnisse bewirkt, ist ein sorgfältig
überlegtes Management erforderlich!
5 Managementprinzipien damit Fusionen effektive
Wirkung zeigen:
-
Förderung eines Wertbewußtseins
im Zusammenhang mit der Suche nach Wissen sowie der Bereitschaft, in den
Prozeß der Wissenserzeugung zu investieren.
-
Ermittlung der wichtigsten Wissensarbeiter,
die es im Rahmen einer Fusion zusammenzuführen gilt.
-
Betonung des kreativen Potentials gedanklicher
Komplexität und Ideenvielfalt, wobei Unterschiede positiv und nicht
als Konfliktquellen angesehen und einfache Antworten auf schwierige Fragen
vermieden werden.
-
Verdeutlichung des Bedarfs an Wissenserzeugung,
um den damit verbundenen Prozeß zu fördern, zu belohnen und
auf ein gemeinsames Ziel auszurichten.
-
Einführung von Maßstäben und
Erfolgskriterien, die den wahren Wert des Wissens vollständiger zu
erkennen geben als schlichte Bilanzrechnungen.
(Matsushita erreichte dies mit einer dreitägigen
Klausurtagung für Mittelmanager, einer regelmäßig erscheinenden
Betriebszeitung etc., so daß alle auf einem gemeinsamen „Arbeitsgebiet“
heimisch waren.)
Innovative Adaption
Neue Konkurrenzprodukte, neue Technologien
sowie sozial und wirtschaftliche Veränderungen treiben die Wissensgenerierung
voran, weil Unternehmen, die nicht auf die sich wandelnden Bedingungen
reagieren, zum Scheitern verurteilt sind.
Es fällt schwer, etwas zu verändern,
was sich bewährt hat und vielleicht immer noch funktioniert.
=> "Erzeugen Sie ein Krisengefühl,
bevor es zu einer Krise kommt- Sie kommen damit einer echten Krise zuvor."
Anpassungsvermögen eines Unternehmens
basiert auf zwei grundlegenden Faktoren:
-
Das Unternehmen verfügt über interne
Ressourcen und Fähigkeiten, die auch bei neuen Vorgehensweisen zum
Einsatz kommen können
-
Das Unternehmen ist aufgeschlossen für
Wandel und besitzt hohes "Absorptionsvermögen"
Mitarbeiter, die willens und fähig
sind, Neues zu lernen, sind für ein adaptierendes Unternehmen unverzichtbar.
Wissensvernetzung
Wissen wird auch durch informelle, selbstorganisierende
Netzwerke innerhalb der Organisationen erzeugt, die erst mit der Zeit formalisiert
werden.
In Gemeinschaften von Wissensträgern,
die über gemeinsame Interessen zusammengefunden haben, erfolgen Wissensaustausch
und Problemlösungen gewöhnlich in persönlichen Gesprächen,
über das Telefon, E- Mail und Groupware.
Reicht die gemeinsame Wissensbasis für
eine effektive Kommunikation aus, sind solche Vernetzungen dazu angetan,
neues Unternehmenswissen zu generieren.
Dieser Prozeß ist schwer zu kodifizieren,
bewirkt aber eine deutliche Bereicherung der Wissensbestände im Unternehmen.
Wo keine formalen wissenspolitischen Richtlinien
und Prozesse vorhanden sind, bieten Netzwerke die entscheidende Gelegenheit
zu Weiterleitung so mancher innovativer Ideen.
Beispiel: Hoechst- Celanese (Textilhersteller
aus North Carolina)
Beim Mittagessen mit Kollegen
erwähnte ein Wissenschaftler aus der F + E Abteilung von Hoechst,
soeben von einer Konferenz über die Herstellung synthetischer Fasern
aus Europa zurückgekehrt, eine bestimmte Präsentation im Zusammenhang
mit einem neuen Material. Einer seiner Kollegen gab ein paar Details aus
dem mittäglichen Gespräch an rund 18 Wissenschaftler-Kollegen
in aller Welt über informelle E-Mail-Vernetzung weiter, Drei Wochen
später erwähnte einer der Netzwerk-Wissenschaftler während
eines gemeinsamen Fluges zu einem Klientenbesuch diese E-Mail-Nachricht
gegenüber einem seiner Unternehmens-manager. Der Manager besprach
die Angelegenheit mit seinen Teamkollegen- denn dieses Team hatte den Auftrag,
neue Marktchancen zu erkunden. Schon bald darauf wurde bei Hoechst eine
kleine Führungsgruppe gebildet, die sich näher mit diesem vielversprechenden
Material
befassen sollte.
Voraussetzung:
All diese Bemühungen um Wissensgenerierung
und Wissensakquisition erfordern Raum und Zeit.
Eine 3. entscheidende Voraussetzung ist
die Erkenntnis seitens der Manager, daß Wissensgenerierung nicht
nur einen wichtigen Betrag zum Unternehmenserfolg leistet, sondern auch
ein eigenständiger Prozeß ist, den es in besonderer Weise
zu kultivieren gilt.
Wissenstransfer
Wie kann eine Organisation Wissen effektiv
vermitteln?
Kürzeste (und beste) Antwort: Man
stelle gescheite Leute ein und lasse sie miteinander reden! ABER:
Unternehmen
stellen gescheite Leute ein, um sie dann zu isolieren und ihnen Aufgaben
aufzubürden, so daß sie keine Zeit für Gespräche oder
zum Nachdenken haben.
Bei den verschiedenen Aspekten und Strategien
des Wissenstransfers geht es immer wieder gerade darum, wie man die Mitarbeiter
dazu bringen kann, daß sie miteinander in’s Gespräch kommen
und sich gegenseitig zuhören.
In Organisationen wird immer Wissen vermittelt;
Wissenstransfer (ungesteuert, nicht organisiert) gehört zum Unternehmensalltag:
ein Mitarbeiter fragt seinen Kollegen, wie man z.B. eine Budgetanfrage
formuliert.
Dabei geht es um einen lokal begrenzten
und bruchstückhaften Wissenstransfer. Man fragt meistens den Kollegen,
der gerade in der Nähe ist oder mit dem wir uns gut verstehen. Man
macht sich nicht die Mühe, denjenigen im Unternehemen ausfindig zu
machen, der die besten einschlägigen Kenntnisse zu einem Thema hat.
Je größer das Unternehmen, desto
größer die Wahrscheinlichkeit, daß das von uns benötigte
Wissen im Unternehmen vorhanden ist. Je größer das Unternehmen,
desto kleiner aber die Wahrscheinlichkeit zu Wissen, wo wir den besten
Ansprechpartner finden. Deshalb ist uns das Wissen des „Nachbars“ gut genug.
Aber im harten Wettbewerb ist es eben oft nicht gut genug.
Wissen gibt es in den Organisationen in
Hülle und Fülle, nur bietet allein die Existenz von Wissen keine
Garantie für seine Anwendung.
Strategien für den Wissenstransfer
So lebenswichtig der spontane und unstrukturierte
Wissenstransfer ist, so muß man dennoch durch Entwicklung spezifischer
Strategien, diesen spontanen Wissensaustausch fördern.
Von Getränkeautomaten und Sitzecken
Eine gute Gelegeheit zum Wissenstransfer
bieten Unterhaltungen am Getränkeautomat, in der Kantine usw. Bei
den Gesprächen geht es sicherlich auch um private Dinge, Sportergebnisse
usw., aber meistenteils geht es doch um dienstliche Angelegenheiten: man
erkundigt sich nach den derzeitigen Projekten des Gesprächpartners;
man bringt sich gegenseitig auf Ideen; man bekommt Ratschläge, wie
das eine oder andere Problem gelöst werden kann.
Solche Gespräche sind Arbeit!
Beispiel: IBM
Als sich IBM zu einer Umstrukturierung
veranlaßt sah, weil die Nachfrage der Unternehmen nach Großrechnern
zurückging, forderte der damalige Vorsitzende John Akers seine Mitarbeiter
in einem Rundbrief auf, sich nicht lange am Geränkeautomat aufzuhalten,
sondern an die Arbeit zu gehen. Er meinte, die Mitarbeiter wollten sich
vor ihrer Arbeit drücken; in Wirklichkeit aber wurden bei solchen
Gelegenheiten oft genug Problemlösungen zur Überwindung der schwierigen
Unternehmenslage diskutiert.
Wenn ein Unternehmen um sein Überleben
kämpft, finden sich die Mitarbeiter ganz von selbst zusammen, um über
Probleme zu sprechen und Ideen zu deren Lösungen auszutauschen. Solche
Gespräche führen mit größerer Wahrscheinlichkeit zu
kreativen Lösungen, als wenn man die Mitarbeiter an ihre Arbeitsplätze
verbannt.
Der Rundbrief von John Akers ließ
eine traditionelle Managementsichtweise erkennen: „Redet nicht soviel,
und macht euch an die Arbeit!“
Dagegen sagt Webber: „Redet miteinander,
und macht euch an die Arbeit!“
Im neuen Wirtschaftsunternehmen sind Gespräche
die wichtigste Form der Arbeit. In solchen Gesprächen entdecken Wissensträger,
was sie wissen, tauschen es unter Kollegen aus und schaffen dabei neues
Wissen für die Organisation.
(Persönliche Gespräche
sind aber nicht nur durch solche Managementsichtweisen gefährdet,
sondern auch durch den Trend zum „virtuellen Büro“! Deshalb sollten
solche Unternehmen nach Ausgleichmöglichkeiten für die so verlorengegangenen
Interaktionsmöglichkeien suchen.)
Viele japanische Unternehemen haben eigens
„Talk Rooms“ oder Sitzecken für zufällige kreative Begegnungen
und Gelegenheiten zum Wissensaustausch eingerichtet.
Beispiel: Dai-Ichi Pharmaceuticals
Dort gibt es Räume, in denen
sich Wissenschaftler für etwas 20 Minuten im Lauf ihres Arbeitstages
einfinden, um bei grünem Tee und angenehmer Beleuchtung im Gespräch
mit Kollegen zu entspannen. In diesen „Talk Rooms“ finden keine Sitzungen
oder organisierten Diskussionen statt. Vielmehr wird erwartet, daß
sich die Wissenschaftler mit Kollegen, die sich auch gerade eingefunden
haben, über ihre Arbeit unterhalten und daß diese mehr oder
weniger zufälligen Unterhaltungen für das Unternehmen von Wert
sind. Es handelt sich um eine Theorie des Wissensaustausches nach Art der
Brownschen Bewegung: gerade die Zufälligkeit fördert die Entdeckung
neuer Ideen, die sich bei einer eingeleiteten Erörterung so nicht
ergeben würden!
Beim Wissenstransfer ist immer darauf
zu achten, daß die Transfer-Methode kulturell angemessen ist.
Beispiel: japanisches Finanzdienstleisungsunternehemen
Dort sollte ein Wissensspeicher
auf Lotus-Notes-Basis entwickelt werden. Doch sah das mit der Implementierung
beauftragte Team viele kulturelle Barrieren, die einem effektiven Informations-
und Wissensaustausch entgegenstanden.
„Wir haben keine Output-Kultur“, sagte
ein Mitarbeiter. „Wenn wir Informationen austauschen, dann nach der Arbeit
an der Bar oder im Restaurant...“
Amerikaner hingegen sind sehr mit ihren
E-Mails beschäftigt. Das kommt vor allem auch durch eine typisch amerikanische
Auffassung von „richtiger“ Arbeit, die den informellen Wissenstranfer stark
gefährdet: Ein Mitarbeiter, der pflichtbewußt E-Mails liest
und beantwortet und seinerseits prompt mit eigenen E-Mail-Notizen und Memos
reagiert, gilt als hart arbeitender Mensch – egal, ob das, was ausgetauscht
wird, von Wert ist oder nicht. Ein Mitarbeiter, der hingegen am Schreibtisch
sitzt und ein Buch liest (um sich z.B. Wissen zu erwerben) oder sich mit
anderen darüber unterhält, stößt auf Mißtrauen.
Wissensmessen und offene Foren
Wissensmessen und offene Foren bieten
eine weitere Möglichkeit, einen zufälligen, erfolgreichen Wissensaustausch
über alle Abteilungs- und Bereichsgrenzen hinweg zu fördern.
Beispiel: Ernst & Young
Ernst & Young organsierte
eine Wissesnmesse bei der fast 30 verschiedene Beratungs- und Forschungseinheiten
mit Ständen vertreten waren, um Infomaterial auszustellen und über
ihre Arbeiten zu diskutieren. Die Teilnehmer konnten von Stand zu Stand
gehen und alles mitnehmen, was ihnen nützlich erschien. Wie Umfragen
im nachhinein bestätigten, erfüllte sich die Hoffnung der Veranstalter:
Die Teilnehmer konnten ungehindert Kontakte knüpfen und neue Synergien
entdecken.
Beispiel: CSIRO
Ebenso erfolgreich verlief
die von CSIRO (einer großen australischen Organisation für Auftragsforschung
und –entwicklung) organisierte Wissensmesse: Wissenschaftler aus ganz Australien
hatten die Gelegenheit andere Wissenschaftler mit denen sie zwar bereits
schon elektronisch miteinander korrespondierten, sich aber nie persönlich
kennengelernt hatten, zu treffen. Trotz umfassender E-Mail-Kontakte stellten
sie alle in der einen oder anderen Form fest: „Mit dem Kollegen da wollte
ich schon immer mal reden. Ich kann es kaum erwarten, ihn anzusprechen.“
Diese Wissenmessen führten auch deshalb
zum Erfolg, weil sie vergleichsweise unstrukturiert waren und den Leuten
Gelegenheit boten, sich freizügig zu bewegen und nach Lust und Laune
ausgiebige Gespräche zu führen. Sie gaben keinerlei Programm
vor.
Beispiel: High-Tech-Unternehmen
Das High-Tech-Unternehmen organisierte
eine Wissenskonferenz , bei der alles bis zur letzten Minute durchorganisiert
war. Ein voller Zeitplan für Sprecher, Workshops und sonstige Ereignisse
ohne Zeit, in der die Leute über das Gehörte oder über ihre
Arbeit hätten reden können. Die Konferenz kostete das Unternehmen
ein Vermögen – und war dennoch ein großer Mißerfolg!
Wissenstransfer durch persönliche
Begegnungen und Schilderungen ist – in Ergänzung zu eher strukturierten
Ansätzen – ausgesprochen wichtig!
Formale und beabsichtige Möglichkeiten
des Wissensaustausches
Solche zufälligen Gespräche usw.
können aber nicht verhindern, daß vor allem in sehr großen
und global agierenden Unternehmen Doppelarbeit bei Problemlösungen
finden. Um dem entgegenzuwirken, muß man formale und beabsichtigte
Möglichkeiten des Wissensaustausches in Betracht ziehen, die einen
guten Mechanismus für eine effektive Verbreitung von Wissen darstellen.
Explizites Wissen: Mehr oder weniger
explizites Wissen läßt sich in Verfahren einbinden, in Dokumenten
und Datenbanken erfassen und einigermaßen genau weitergeben.
Implizites Wissen: Implizites Wissen
hingegen erfordert im allgemeinen umfangreiche persönliche Kontakte,
eine Arbeitsbeziehung z.B. zwischen Meister und Lehrling. Es läßt
sich kaum anders vermitteln.
Beispiel: Microelectronics and Computer
Corporation (MCC)
Beispiel: Sematech
Vorrangige Funktion dieser High-Tech-Konsortien
liegt in der Schaffung von Wissen und dessen Tranfer an die entsprechenden
Unternehmen. Sie sind intensiv bemüht, den Unternehmen, die ihre Forschungsarbeiten
finanzieren, Technologien, Ideen und Forschungsergebnisse zu übermitteln.
Bei MCC geschieht dies wenig erfolgreich.
Bei Sematech hingegen funktioniert der Wissenstransfer äußerst
erfolgreich. Vor allem den „Partnerschaften“ mit den Sponsorenfirmen mißt
man bei Sematech hohe Bedeutung bei: diese Firmen kommen zu Sematech, um
sich an den Forschungsarbeiten zu beteiligen und dann Ideen mit nach Hause
zu nehmen. Ein Sematech-Technologie-Transfer-Manager: „Wir haben Dokumente,
Dokumenten-Datenbanken, Intranet, Groupeware – was Sie nur wollen. Aber
die Partner und die persönlichen Begegnungen bei uns sind die wichtigsten
Kanäle für den Transfer von Wissen zu den uns verbundenen Firmen.“
Bei implizitem Wissen gestaltet sich die Wissensübermittlung
von der Wissensquelle zu anderen Unternehmensteilen als besonderst schwierig.
Beispiel: Versuch, Fähigkeiten
eines Analytikers von Luftaufnahmen in einem Expertensystem zu erfassen
Selbst die komplexen Regeln eines
ausgefeilten Computerprogramms vermochten nicht, die Wiedergabe des impliziten
Wissens des Analytikers zu leisten. Das System konnte nicht „lernen“, wie
Luftaufnahmen zu lesen sind – der eigens zur Systement-wicklung eingestellte
Copmuterwissenschaftler aber war sehr wohl in der Lage, sich die einschlägigen
Fähigkeiten anzueignen. Der langwierige Prozeß mit all den Versuchen,
das Wissen des Experten explizit zu machen und zu verstehen, kam der Ausbildung
eines Lehrlings durch seinen Lehrmeister gleich. Ausgiebige Gespräche,
gemeinsame Betrachtung der Luftaufnahmen sowie unzählige Fragen und
Klärungsversuche vermittelten dem Berater neue Kompetenz. Bei Projektende
erwies sich das Expertensystem als nutzlos, aber der Systementwickler galt
als weltweit zweitbester Analytiker von Luftaufnahmen.
Unternehmen bemühen sich implizites Wissen
weiterzugeben, indem sie häufig formale Mentoren-Programme einführen
und von ihren dienstälteren, erfahrenen Mitarbeitern verlangen, daß
sie ihr Wissen im Rahmen einer Arbeitsplatz-beschreibung an ihre jüngeren
Kollegen weitergeben.
Bei japanischen Stahlfirmen wird die persönliche
Kontakaufnahme zwischen älteren und jüngeren Mitarbeitern gefördert
und erwartet. Der ältere Kollege gibt seine beruflichen Erfahrungen
und Kenntnisse an die nächste Generation weiter.
Ohne informationstechnologische Infrastruktur
ist ein umfassender Wissenstransfer in großen globalen Unterbehmen
undenkbar. Elektronische Einrichtungen können bei der Infrastruktur
zum Transfer von implizitem Wissen genutzt werden, man sollte sich aber
nicht
darauf beschränken.
Beispiel: Raychem (kalifornisches Elektronik-
und Telekommunikationsunternehmen)
Dort wurde eine Datenbank (Internal
Information Interview Network)eingerichtet, in der Mitarbeiter aufgeführt
sind, die zur Begegnung mit Kollegen und zum Wissensaustausch bereit sind.
Es ist nichts anderes als eine ganz spezielle Wissenslandkarte, die einen
unverzichtbaren Bestandteil einer Wissensinfrastruktur darstellt.
Ein weiterer Technologieeinsatz zur Vermittlung
von implizitem Wissen ist in dem Versuch verschiedener Unternehmen zu sehen,
die Erfolgsgeschichten und Erfahrungen ihrer dienstälteren Praktiker
auf Videoband oder CD-ROM festzuhalten, bevor sie aus dem Unternehmen ausscheiden.
Generell gilt:
Je reichhaltiger und impliziter ein
Wissen ist, desto mehr sollten technologische Möglichkeiten genutzt
werden, die den Mitarbeitern dieses Wissen unmittelbar weitergebn. Der
Versuch einer Speicherung und Wiedergabe von implizitem Wissen als solchem
mit technologischen Mitteln wäre weniger sinnvoll.
Die Wissenstransfer- Kultur
Viele kulturelle Faktoren, in diesem Zusammenhang
"Friktionen", verzögern oder verhindern den Wissenstransfer und haben
meist zur Folge, daß ein Teil des Wissens bei der Weiterleitung durch
die Organisation abhanden kommt.
|
FRIKTION
|
LÖSUNGSMÖGLICHKEIT
|
| Mangel an Vertrauen |
Aufbau von Beziehungen und
Vertrauen durch persönliche Begegnung |
| Unterschiedliche Kulturen,
Sprachgewohnheiten, Bezugsrahmen |
Schaffung einer gemeinsamen
Grundlage durch Ausbildung, Diskussionen, Veröffentlichungen, Teambildung,
systematischen Arbeitsplatzwechsel |
| Zeitmangel und Fehlen von
Begegnungsstätten; enge Auffassung von produktiver Arbeit |
Bereitstellung zeitlicher
und räumlicher Möglichkeiten für den Wissenstransfer: Messen,
"Talk -Rooms", Konferenzberichte |
| Statusgewinn und Belohnung
für Wissensträger |
Leistungsbeurteilung und
Schaffung von Anreizen auf der Basis der Weitergabe von Wissen |
| Mangel an Aufnahmefähigkeit
seitens der Empfänger |
Schulung der Mitarbeiter
zur Flexibilität;
Bereitstellung zeitlicher
Möglichkeiten zum Lernen; Einstellung von Kandidaten, die sich für
neue Ideen aufgeschlossen zeigen |
Einstellung, daß Wissen
bestimmten Gruppen vorbehalten ist; Syndrom
"Ist nicht für uns" |
Förderung eines nichthierarchischen
Umgangs mit Wissen; Qualität der Ideen wichtiger als Status der Wissensquelle |
| Intoleranz gegenüber
Fehlern und Hilfsbedürftigkeit |
Akzeptanz und
Belohnung kreativer Irrtümer und Kooperationsprojekte; kein Statusverlust,
wenn man nicht alles weiß |
Vertrauen und gemeinsame Verständnisgrundlage
Ein Wissensaustausch ist nur dann möglich,
wenn alle Beteiligten eine gemeinsame Sprache sprechen. Leute, die
derselben Arbeitskultur angehören, können besser miteinander
kommunizieren und ihr Wissen effektiver austauschen als Leute aus unterschiedlichen
Kulturen.
Manchmal gibt es keinen Ersatz für
eine direkte Kommunikation.
Beispiel: Boston- Harbor Tunnelprojekt
Das Unternehmen hatte bereits
ein ähnliches Projekt in Neuseeland (den Bau eines Tunnels zwischen
zwei Inseln) betreut, und das Boston- Projekt war in mancher Hinsicht vergleichbar.
Die Tunnelbauer in Neuseeland hatten in bezug auf einen bestimmten Bohrprozeß
innovative Verbesserungen entwickelt, die auf Wunsch der Führungskräfte
vom Boston-Team übernommen werden sollten.
Man bemühte sich, das Wissen auf verschiedenen
Wegen zu vermitteln - man schickte Berichte und Dokumentation usw.
Die Firma weigerte sich strikt, die beiden
Gruppen zusammen zu bringen - einmal aus Kostengründen, aber noch
ausschlaggebender war die tief verankerte technologische Unternehmenskultur:
Man war fest davon überzeugt, daß dies der richtige Weg sei.
Schließlich mußten die Tunnelbauer
aus Neuseeland noch nach Boston kommen und mit ihnen an einen Tisch sitzen
und konnten so ihr Wissen "aus erster Hand" weitergeben.
Dieses Beispiel zeigt wie schwierig es
sein kann implizites Wissen explizit zu machen.
Wichtig ist auch die erforderliche Vertrauensbildung.
Für die praktisch orientierten Tunnelbauer aus Boston zählte
das gedruckte Wort nicht so viel, als daß sie deswegen ihre bislang
bewährten Verhaltensweisen aufgegeben hätten.
Viele Leute wollen nur glauben, was sie
mit eigenen Augen sehen: Nur eine realistische Demonstration der neuen
Technik und ihrer Vorteile konnte die Tunnelbauer überzeugen.
Zum Status des Wissensträgers
Menschen beurteilen die ihnen vermittelte
Informationen und Wissensinhalte in beachtlichem Maße danach, wersie
vermittelt.
Beispiel:
Der Geschäftsführer
eines großen pharmazeutischen Unternehmens, bei dem einer der Autoren
vor einigen Jahren als Berater war, benötigte Informationen über
die Marktsituation in Malaysia. Er forderte Berichte vom Bibliotheksverwalter
des Unternehmens, vom Marketing-Direktor und von einem für die strategische
Planung verantwortlichen Bereichsleiter an.
Die Informationen des Bibliotheksverwalters
waren mit Abstand die brauchbarsten.
Doch der Geschäftsführer hielt
die Informationen seines Bereichsleiters für besonders wertvoll.
Der Status der Informanten ließ
ihn voreingenommen urteilen.
Als dasselbe Material anderen Managen
im Unternehmen ohne Angabe der Herkunft gezeigt wurden, hielten diese den
Bericht des Bibliotheksverwalters ausnahmslos für überlegen.
Transfer = Übermittlung + Aufnahme
(und Anwendung):
-
Wenn Wissen vom Empfänger nicht aufgenommen
wird, hat kein Wissenstransfer stattgefunden.
-
Selbst Übermittlung und Aufnahme zusammengenommen
haben noch keinen Nutzwert, wenn das neue Wissen nicht irgendeine Verhaltensänderung
zur Folge hat.
Es kommt häufig vor, daß jemand
neues Wissen versteht und aufnimmt, dieses Wissen aber aus verschiedenen
Gründen nicht nutzt. Dazu zählen vor allem der Umstand, daß
eine
Wissensquelle kein Ansehen oder kein Vertrauen genießt. Andere Gründe
sind Stolz, Starrköpfigkeit, Zeitmangel, Mangel an Gelegenheit.
Tempo und Viskosität
Diese zwei Faktoren gilt es zu berücksichtigen,
wenn Wissensmanager abschätzen wollen, wie effizient ein Unternehmen
sein Wissenskapital nutzt. Wie schnell gelangt das Wissen dorthin,
wo es der Wertschöpfung dient, und in welchem Umfang gelangt das Wissensvermögen
an die richtigen Einsatzorte?
"Viskosität" kennzeichnet die
Reichhaltigkeit (oder Dichte) des transferierten Wissens.
=> Tempo und Viskosität
sind
nicht immer gut zu vereinbaren: Was das Tempo beschleunigt, kann unter
Umständen die Viskosität verringern.
Beispiel: Mobil Oil
Mobil Oil-Ingenieure hatten sich
komplizierte Methoden ausgedacht, um zu ermitteln, wieviel Dampf bei ihren
Bohrarbeiten unter unterschiedlichen Bedingungen erforderlich ist.
Da sie genau wußten, wieviel Dampf
sie benötigten, konnten deutliche Einsparungen erzielt werden - mit
beachtlichen finanziellen Konsequenzen, wenn man dieses Wissen auch zur
Anwendung in anderen Mobil-Ölfeldern aufbereitete.
So schickten sie den anderen Bohranlagen
eine schriftliche Mitteilung, in der sie die neuen Berechnungen ausführlich
erläuterten und die damit verbundenen Vorteile beschrieben. Sie gingen
davon aus, daß man eine Innovation von so unbestreitbarem Wert anderenorts
rasch übernehmen würde. Doch nichts geschah.
Nach einigen Nachforschungen kam ein Informationsmanager
bei Mobil-Oil zu dem Schluß, daß Transfer-Mittel sei
schlecht gewählt.
So wurde eine Fallstudie erarbeitet und
von den Leuten, die an der Erarbeitung des neuen Prozesses beteiligt gewesen
waren, wurden Videoaufnahmen gemacht.
Es wurde die Empfehlung gegeben, die Innovation
tagelang zu prüfen und intensiv zu diskutieren. Nach 6 Monaten lag
die Akzeptanzrate bei 30 %.
=> Aufnahme und Anwendung neuen Wissens erfordert
unter Umständen einen langwierigen und mühsamen Prozeß,
wobei die Erfolgsrate maßgeblich von der Unternehmenskultur abhängig
ist.
Paradebeispiel: 3M
Das Unternehmen verkauft über
60 000 verschiedene Produkte, wobei 30% des Umsatzes auf Produkte entfallen,
die höchstens 4 Jahre alt sind.
Ohne effektiven Wissenstransfer wäre
das so gut wie unmöglich, da neue Ideen häufig gerade durch Zugang
zu bereits bestehenden Konzepten ausgelöst werden.
3M bietet mit seinen eindrucksvollen Innovationserfolgen
ein überzeugendes Beispiel für eine Unternehmenskultur, die den
Wissenstransfer fördert und praktiziert, was auch zu beachtlichen
Investitionen in den Transfer-Mechanismus geführt hat.
Kennzeichen der Unternehmenskultur:
-
Verantwortung delegieren
-
Kreative Fehler tolerieren
-
Fähigkeiten einzelner Mitarbeiter auf
allen Unternehmensebenen wertzuschätzen
Von den wissenschaftlichen Mitarbeitern aller
Ebenen wird erwartet, daß sie 15% ihrer Arbeitszeit persönlichen
Forschungsinteressen widmen.
Regelmäßig veranstaltete Treffen
und Messen bieten den 3M-Wissenschaftlern zeitliche und räumliche
Gelegenheit zu persönlichen Begegnungen und zum Wissensaustausch.
Die Mitglieder eines „Technischen Rats“,
dem die Leiter der größeren 3M-Labors angehören, treffen
sich einmal monatlich zum Gedankenaustausch.
Außerdem steht allen Mitarbeitern
des Unternehmens eine Online-Datenbank für technologisches Fachwissen
zur Verfügung. 3M vertritt die Auffassung, daß technisches Wissen
dem Unternehmen und nicht den Mitarbeitern oder Mitarbeitergruppen gehört,
die es erarbeitet haben.
Dieser freizügige Zugang zu Wissen
und die Tatsache, daß man den Wissenschaftlern Zeit läßt,
Wissen aufzunehmen und damit zu spielen, haben zur Entwicklung beachtlicher
neuer Produkte geführt: z.B. Post-it-Notes.
Die Erfindung der selbsthaftenden Notizzettel
ging teilweise auf des Memo eines anderen 3M-Wissenschaftlers zurück,
der die Kollegen im Unternehmen zu einer Begutachtung seines neuentwickelten
Klebematerials aufgefordert hatte.
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